Tag 8 – Slam Poetry

Lieber Leser,

Kurz vor knapp kommt heute ein etwas anderer Text.

Es handelt sich um eine Art Slam Poetry, nur eben nicht vorgetragen.

Es wäre zwar besser, wenn es vorgetragen wäre, aber das geht hier schlecht.

Die Idee kam mir, als ich gestern mit Krämpfen im Chorkonzert meiner Schwester saß. In den folgenden Tagen gehe ich bestimmt noch mehr auf einzelne Aspekte ein.

Ich hoffe, ihr könnt damit etwas anfangen.

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Elf Sätze, die meine Frauenärzte zu mir gesagt haben

„Du hast wunderschöne Eierstöcke!“

„Das sind ja tolle Wollsocken!“

„Achtung, jetzt wird es kalt.“

„Rutsch doch noch ein Stück runter zu mir.“

„So sollte sich das nicht anfühlen.“

„Für die Jungs ist das erste Mal auch nicht leicht.“

„Du solltest von der Krankheit nicht dein Leben bestimmen lassen!“

„Du willst nicht noch mehr Behandlungen ausprobieren? Ich bekomme langsam das Gefühl, du willst nicht, dass es dir besser geht.“

„Hast du schonmal über künstliche Menopause nachgedacht?“

„Spätestens nach dem ersten Kind wird es besser.“

„Du sitzt hier nicht und weinst. So schlimm kann es nicht sein.“

Elf Sätze, die meine Frauenärzte zu mir gesagt haben und Elf Antworten, die ich gerne gegeben hätte

„Du hast wunderschöne Eierstöcke!“

– Na, wenigstens eine Sache, die bei meinem Fortpflanzungssystem gut gelaufen ist…

„Das sind ja tolle Wollsocken!“

– Dankeschön! Habe ich extra für sie angezogen.

„Achtung, jetzt wird es kalt.“

Ach was.

„Rutsch doch noch ein Stück runter zu mir.“

– (an dieser Stelle brauche ich eure Vorstellungskraft: stellt euch euren besten Todesblick vor)

„So sollte sich das nicht anfühlen.“

– Ich weiß. Ich weiß. Ich weiß.

„Für die Jungs ist das erste Mal auch nicht leicht.“

– Das stimmt, aber für ihn war es wenigstens schön.

„Du solltest von der Krankheit nicht dein Leben bestimmen lassen!“

– Wissen sie, wie es ist, jeden Tag Schmerzen zu haben? Wissen sie, wie es ist, trotzdem jeden Tag aufzustehen? Chronische Schmerzen beeinflussen jeden Teil meines Lebens. Ich kann meine Krankheit nicht einfach beiseite schieben.

„Du willst nicht noch mehr Behandlungen ausprobieren? Ich bekomme langsam das Gefühl, du willst nicht, dass es dir besser geht.“

– Sie waren es, die letztes Mal gesagt haben, ich dürfe mein Leben nicht von der Krankheit bestimmen lassen. Mit welchen Recht behaupten sie, dass ich nicht möchte, dass es mir besser geht, wenn ich gerade mein Leben selbst in die Hand nehme? Ich lasse nicht zu, dass mein Leben nur aus Arztterminen besteht. Mein Leben ist mein eigenes. Ich weiß am Besten, was für mich und meine Endometriose das Richtige ist. Das lasse ich mir nicht vorwerfen.

„Hast du schonmal über künstliche Menopause nachgedacht?“

– Ich bin sechzehn. Es gibt so vieles, über dass ich noch nicht nachgedacht habe.

„Spätestens nach dem ersten Kind wird es besser.“

– Wenn das so ist, ist ja alles nur halb so schlimm. Blöd nur, dass ich elf Jahre alt und damit mindestens elf Jahre zu jung für die potentiellen Kinder bin, die ich wegen meiner Krankheit vielleicht nicht mal haben kann.

„Du sitzt hier nicht und weinst. So schlimm kann es nicht sein.“

– Es ist lustig, wie viel zwölf Worte mit einem machen können. Zwölf Worte. Ich lerne: ich werde nicht ernst genommen, wenn ich nicht weine. Zwölf Worte, die zur Folge haben werden, dass ich die nächsten fünf Jahre bei jedem Arzttermin weinen werde. Zwölf Worte. Ich fühlte mich davor schon elend. Jetzt noch mehr. Zwölf Worte. Ich bin doch erst elf.

Wenn ich über die Sätze nachdenke, die ich mir in meinen sechzehn Jahren auf dieser Welt anhören musste, dann werde ich wütend. Ich werde wütend für mein jüngeres Ich, die nichts gesagt hat. Die alles still ertragen hat. Jede schmerzhafte Untersuchung. Jedes Belehren. Jeden herabwürdigenden Kommentar von den Personen, die mir Hinge und Verständnis geschuldet hätten. Ich habe alles in mir aufgenommen, aber jetzt ist kein Platz mehr. Ich lasse jetzt raus, anstatt rein. Ich kämpfe für mich selbst. Einer muss es ja tun.

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