Tag 27 – Ode an meinen Vater

Lieber Leser,

Manchmal denke ich, mein Vater ist ein Heiliger.

Er hat es häufig nicht leicht. Ich habe mir unabsichtlich angewöhnt, ihm aus Spaß immer zu widersprechen, und ich weiß, dass es ihn nervt. Ich weiß, dass meine Mutter manchmal sehr unnachgiebig und spitzfindig sein kann. Ich weiß, dass es ihn belastet, wenn er merkt, dass es mir nicht gut geht und er mir nicht helfen kann. Ich weiß, dass es ihn nervt, dass wir anderen uns häufig nicht zuständig fühlen, den Geschirrspüler auszuräumen oder das Abtropfbrett erst frei zu räumen, bevor man neue nasse Sachen ablegt. Ich weiß, dass es ihn nervt, dass er sich um all unsere Handyverträge, die Telefon-, Fernseh- und Streamingdienstprobleme kümmern muss. Dass es anstrengend ist, wenn er die Kaffeemaschine auseinandergebaut hat um sie zu reinigen und sie sich dann trotz Anleitung nicht richtig zusammenbauen lässt. Dass es nervt, wenn der Kater dich beim Essen belagert.

Trotzdem kümmert er sich um alles. Er ist häufig mein Fels in der Brandung. Obwohl ich mir für ihn wünschen würde, dass meine Mutter häufiger mal nachgeben oder es einfach mal gut sein lassen würde, bin ich doch froh, wenn er es tut. Als ehemaliges Trennungskind (längere Geschichte) macht mir jeder Streit zwischen ihnen unrealistische Angst. Aber obwohl ich ihre Beziehung häufig nicht verstehe, sind sie doch (mit Unterbrechung) seid etwa 35 Jahren zusammen.

Er hat akzeptiert und verstanden, dass es für meine Mutter keine Option war, umzuziehen, als er in einer anderen Stadt einen Job bekam. Und so fährt er seid über zehn Jahren jeden Freitag 300 Kilometer zu uns nach Hause und jeden Montag 300 Kilometer in die Stadt, in der er arbeitet.

Ich verdanke ihm meinen komischen, vielfältigen Musikgeschmack, meine Liebe fürs Kochen und mein Interesse für Naturwissenschaften. Früher sind wir jedes Wochenende in den Zoo oder ins Aquarium gegangen.

Er ist nicht unvernünftig, aber im Notfall würde er keine Fragen stellen.

Wenn es nur nach ihm ginge, dürfte ich mir Piercings stechen lassen. Er sagt: „Du musst ja damit rumlaufen.“

Mein Vater ist Professor an seiner Hochschule und trägt zur Arbeit eigentlich immer einen Anzug. Wer ihn nur so kennt, würde sich wundern, zu erfahren, dass er neun Tattoos hat und früher Piercings hatte. Den Gedanken finde ich immer lustig.

Ich liebe meinen Vater. Mein Vater interessiert sich für die Musik die ich höre, und er erlaubt mir auch, im Auto das zu hören, was ich möchte, auch wenn er es persönlich nicht mag. Mein Vater hat mich schon auf einige Konzerte begleitet, die ihn eigentlich nicht interessiert haben.

Mein Vater lernt geduldig Mathe und Chemie mit mir, auch wenn ich verzweifle und mich wirklich dumm anstelle.

Jetzt gerade schläft mein Vater neben mir auf dem Sofa, während wir einen Bob-Dylan-Konzert-Film gucken. Ich möchte ihm gerne sagen: Ich bin dir dankbar, für alles was du für mich und unsere Familie tust. Ich bin froh, dass du da bist. Ich werde mir Mühe geben, es dir in der Zukunft leichter zu machen.

Deine Ella

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