Tag 47 – Menschlichkeit

Lieber Leser,

diese Tage sind geprägt von Sorgen, latenter Panik, Existentzängsten, Entbehrung und häufig auch Ignoranz, wie sie zumindest Menschen meiner Generation in diesem Ausmaß noch nie erlebt haben.

Die schleichende Furcht bringt das schlechteste in den Menschen hervor. Sie horten unnötige Mengen an Klopapier, verprügeln Verkäufer in Supermärkten, verkaufen im Internet Desinfektionsmittel für Unsummen, klauen im Krankenhaus Mundschutze, verbreiten Panik und Halbwahrheiten und ignorieren Schutzmaßnahmen und treffen sich immer noch in großen Gruppen. Sie der Postillon so treffend schrieb: „Deutsche offenbar total geil auf Ausgangssperre“. In was für einer schrecklichen Welt wir leben.

Die wachsende Ungewissheit verbindet die Menschen. Selten sehe ich so viel Verbundenheit und Fürsorge wie in den letzten Tagen. Ich sehe Menschen, die für ältere Nachbarn einkaufen gehen. Ich sehe Menschen, die Balkon-Konzerte veranstalten und in Livestreams Bücher vorlesen, Cellountericht oder Tanzstunden veranstalten. Ich sehe Unternehmen, die für die Zeit der Ungewissheit Gratis-Kurse anbieten. Ich sehe vor den Krankenhäusern Banner hängen, auf denen steht: „Danke für euren Dienst. Wir denken an euch!“ Ich sehe Nachbarn, die sich für diese Zeit als familiäre Einheit zusammentun, um Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bekommen. Eine Freundin meiner Mutter hat mir einen Ableger ihres Sauerteiges und ein Kilo Dinkelmehl geschenkt, weil seit Tagen kein Mehl mehr im Supermarkt zu bekommen ist. Ich sehe Kirchen, die Gottesdienste per Telefonkonferenz ermöglichen. Jugendgruppen, die sich in Internet organisieren um nicht den Kontakt zu verlieren. Ich sehe Menschen, die nicht vergessen wie schlimm diese Zeiten für Selbstständige und kleine Unternehmen sind und für diese Werbung machen. Ich sehe Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, für die Mitmenschen und nicht zuletzt für sich selbst. In was für einer wundervollen Welt wir leben.

Die momentane Situation sorgt, dafür, dass unglaublich viel gleichzeitig passiert. Viel schönes und viel schreckliches, und ganz viel dazwischen. Ich weiß nicht, was mich mehr übermannt. Ich fühle so viel Dankbarkeit an alle, die sich um ihre Mitmenschen kümmern und für ihre Familie und ihre Freunde einen sicheren Hafen darstellen. Ich fühle so viel Unverständnis gegenüber allen, die Ignorant und egoistisch handeln, die aus dem Leid anderer auch noch Profit schlagen wollen. Ich weiß, worauf ich mich lieber konzentrieren würde – aber kann ich das leisten? Ich weiß es nicht. In was für einer seltsamen Welt wir leben.

Macht es gut,

Eure Ella

4 Kommentare zu „Tag 47 – Menschlichkeit

  1. Du hast es schön und treffend zusammengefasst, liebe Ella. Und Du bist eine aufmerksame Beobachterin. Dein Eintrag hat mir ein Lächeln geschenkt.
    Sehr lieben Dank dafür und ebensolche Grüße an Dic! Hab‘ eine gute und gesunde Nacht! ✨😴

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    1. Ich freue mich, dass ich dich zum Lächeln bringen konnte! Das bedeutet mir viel. Als ich den Blog vor 47 Tagen gegründet habe, hätte ich im Traum nicht daran gedacht, dass er jemand anderem als mir Freude bereiten könnte. Auch ich möchte mich bei dir bedanken: jeden Tag freue ich mich auf deine sehr reflektierten, freundlichen und Einblick gewährenden Beiträge. Das zählt mittlerweile zu den Highlights meines Tages! Wie schön, dass wir uns hier kennenlernen konnten.
      Wie immer auch dir alles gute!🌿

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      1. Oh, das ist ein großes Komplimemnt für mich. Dankeschön dafür! – Ein bisschen überrascht es mich freilich auch, weil durch viele meiner Texte viel Melancholie und oft auch Seelenmüll hindurch scheint oder gar offensichtlich wird.

        Ich denke, dass das manchmal nicht gerade leicht zu lesen ist, und ich habe oft auch Sorge, dass ich andere Menschen (die es lesen) damit ganz schön runterziehen kann. Das ist zwar nicht meine Absicht, aber, so ist das, wenn man zur eigenen Verarbeitung und Reflexion öffentlich schreibt, das aber mit so diversen Päckchen auf dem Rücken und Pflastern auf der Seele tut.

        Und Du schreibst mir nun, dass mein Geschreibsel zu den Highlights Deiner Tage zählt …

        Ich freue mich meinerseits auch, Dir begegnet zu sein. Du strahlst für mich eine sehr angenehme Natürlichkeit aus, schreibst, wenn auch manchmal kurz aus einem ehrlichen Herzen heraus. Das ist sehr sympathisch!

        Nochmals liebe Grüße!

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      2. Auch ich empfinde deine Beiträge als sehr ehrlich, und wenn man ehrlich schreibt, was einem auf der Seele schreibt, dann kann das nicht immer schön sein. Ich sage zwar nicht, dass ich weiß, wie du dich fühlst, aber ich kann zumindest verstehen, dass du an dir und der Welt häufig schwer trägst. Mir selbst geht es auch immer wieder so, und so ist es doch zumindest schön zu wissen, dass man nicht alleine ist.
        Und so wünsche ich dir und mir auch ein bisschen Erholung und Leichtigkeit in allem Trubel!

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