Tag 50 – Ernst

Lieber Leser,

Heute habe ich mich den ganzen Tag lang komisch gefühlt. Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, dass ich entweder gerade sehr lange geweint habe, oder es gleich tun würde. Einen konkreten Anlass gab es nicht, es ist nichts passiert, was mich derartig hätte traurig machen können. Trotzdem hat mich das Gefühl nicht losgelassen, auch jetzt gerade spüre ich es. Ich fürchte, dass ich heute noch einmal so richtig weinen muss, um das Gefühl loszuwerden. Sonst staut sich das alles total auf, und das kann nicht gut sein.

Ich bin ein Mensch, der sehr häufig weint. Ich glaube, 2018 habe ich jeden einzelnen Tag geweint – nicht nur, weil es mir in dem Jahr nicht besonders gut ging. Ich bin einfach ein extrem emotionaler Mensch, und ich bin besonders schlecht darin, meine Gefühle zu verbergen. Diese Ehrlichkeit kann natürlich auch gut sein, aber trotzdem stört es mich häufig etwas, wenn ich zum Beispiel mit Schmerzen in der Schule sitze und ich alle zwei Minuten gefragt werde, ob es mir gut geht. Ich weiß dann immer nicht, was ich sagen soll. Nein, aber ist schon okay? Ich habe das Gefühl, ich enttäusche meine Gesprächspartner, wenn ich sage, dass es mir schlecht geht, aber dass es auch gar nichts gibt, was man dagegen tun kann. Ich glaube, insbesondere manche Lehrer machen sich Sorgen um mich, bin ich doch klein, dünn und bleich und sehe an den meisten Tagen sehr kränklich aus. Und noch dazu sitze ich doch sehr häufig mit besorgtem, angestrengtem Gesuchtsausdruck im Untericht. Vielleicht ist es ja auch gut, wenn die Leute einfach so mitbekommen, wenn es mir schlecht geht und dann entsprechend mit mir umgehen können. Ich weiß auch nicht. Es ist kur einfach frustrierend, wenn man ständig zu hören bekommt, dass man ungesund aussieht, oder die besorgten Gesichter von Menschen sehen muss, die man gern mag.

Ich kann das natürlich auch verstehen. Faktisch bin ich noch ein Kind – ein junger Mensch, der sein Leben noch vor sich hat. Wie ist der Durchschnitts-Sechzehnjährige wohl? Unbeschwert, unbesorgt, fröhlich, neugierig, abenteuerlustig? Ich bin es nicht. Ich bin durch meine Krankheit ein anderer Mensch geworden. Ich bin besorgt. Ich bin ernst. Ich trage schwer an der Welt und an mir selbst. Ich bin zu jung für die Menge an Schmerzen, die ich jeden Tag trage. Und dass es für Außenstehende erschreckend ist, wenn ich sagen muss:“Ja, ich habe starke Schmerzen, aber ich werde nicht nach Hause gehen weil es mir dort auch nicht besser geht“, das kann ich gut nachvollziehen. Und das macht mich traurig. Es macht mich traurig, dass ich anderen Menschen Sorgen bereite. Es macht mich traurig, wenn ich sehe, wie meine Mutter darunter leidet, wenn es mir schlecht geht und sie mir nicht helfen kann. Und so sehr ich mich so liebe wie ich jetzt bin, mit Krankheit und allem drum und dran, so bin ich doch traurig um den unbeschwerten, fröhlichen Menschen, der ich hätte werden können.

Ich weiß nicht, was mit diesem Post passiert ist – er hat sich während ich geschrieben habe in eine ganz andere Richtung entwickelt, als ich vorher erwartet habe. Aber das macht nichts. Ich konnte mir ein paar Dinge von der Seele reden, die ich schon lange mit mir herumtrage und die ich auch gerne laut sagen würde.

Ich wünsche euch alles Gute.

Macht es gut und bleibt gesund,

Eure Ella


Kurze Mitteilung aus dem Off: der Beitrag kommt zwar faktisch einen Tag zu spät, ich habe ihn aber gestern geschrieben und aus Versehen auf meinem anderen (geheimen🤫😂) Blog veröffentlicht. Kann passieren.

Macht es gut!

1 Kommentar zu „Tag 50 – Ernst

  1. Es gibt keine „Durchschnittssechszehnjäjrige“, liebe Ella – jede ist einzigartig. Du auch. – Dass Du Dir Sorgen machst, wenn Du andere Menschen traurig machst, kann ich nachvollziehen. Krankheiten lassen uns nicht so sein, wie wir sein wollen, und oft ist es schon für uns selbst nicht so einfach, es mit uns auszuhalten.
    Aber an Dem Maß des Verständnisses für eine Krankheit, moch mehr an dem Maß des VERSTEHENwollens einer Krankheit, lässt sich der Wert eines anderen Menschen bemessen. Für diejenigen, die an einer Krankheit leiden, werden sich nur unter solchen Menschen Freunde finden lassen. – Ja, und dann wird es natürlich noch einmal schwerwiegender, wenigstens für unser Empfinden: Denn wir spüren schon, wie schwer es , wenigstens mitunter, gerade diese Menschen auch mit uns haben. Und das ist natürlich genau das, was wir am wenigsten wollen: gerade DIESE Menschen so stressen, fordern vielleicht auch traurig machen.
    Aber glaube mir, das ist jetzt wirklich ein Stück „Lebenserfahrung“ – genau DIESE Menschen nehmen es uns eben NICHT übel, dass wir sind, wie wir sind. Sie kennen die Ursachen, sie verurteilen sie nicht. Sie mögen uns trotzdem, weil es anderes , wichtigeres gibt als die Krankheit. Und das zählt für diese Menschen. – Manchmal kann man das kaum fassen – ich weiß …
    Viele, liebe Grüße an Dich, und , bitte, nicht so große Schmerzen etc.! 🌷🌼🌸

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