Tag 122 – Was nun?

Lieber Leser,

Ich versuche heute, Worte zu finden für das, was mich die letzte Woche rund um die Uhr beschäftigt hat.

Was in den USA und überall auf der Welt schon seit langem geschieht und nun insbesondere durch die Ermordung von George Floyd durch einen weißen Polizisten erneut so schmerzhaft ins Bewusstsein gerückt wurde, macht mich sprachlos – und gleichzeitig gibt es so vieles, was ich gerne sagen möchte.

Aber es ist schwierig, die richtigen Formulierungen zu finden. Ich möchte niemandem auf die Füße treten, ich habe Angst, dass Dinge, die ich hier formuliere anders interpretiert werden könnten als ich sie meine.

Aber letztendlich ist diese Angst ein weiteres Auswuchs all der Privilegien, die ich durch meine Geburt als weißer Mensch erhalten habe. Deswegen und weil der Blog hier doch so etwas wie eine Tagebuch für mich ist, käme es mir falsch vor, hier nicht darüber zu berichten, was mich momentan so viel beschäftigt.

Was soll ich sagen? Ich bin vor allem wütend. Wütend, dass wir in einer Welt leben in der manche Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe Privilegien erhalten, und andere wegen ihrer Hautfarbe sterben müssen. Ich bin wütend, dass es Menschen gibt, die sagen „Hört auf, uns zu ermorden“, und andere daraufhin wirklich antworten „aber…“. Ich bin wütend, wenn Menschen nicht verstehen wollen dass der Ausdruck Black Lives Matter nicht diskriminierend gegenüber weißen Menschen ist. Ich bin wütend, wenn Menschen die Konversation dahingehend verdrehen, dass sie den Fokus von der brutalen, kaltblütigen Ermordung eines schwarzen Mannes wegdenken und sich darauf konzentrieren, dass gewaltsame Ausschreitungen etwas Schlechtes sind. Ich bin wütend, denn haben sie nicht lange genug friedlich protestiert? Wie oft haben sie friedlich protestiert und mussten sich anhören, dass ihre Art des Protests respektlos gegenüber Amerika sei – dem Land, dass sich schon immer einen Scheißdreck um sie gekümmert hat? Ich denke an Colin Kaepernick. Ich bin wütend, denn ich frage mich was einem weißen Polizisten durch den Kopf gehen muss, der einen wehrlisbe schwarzen Mann minutenlang würgt, während dieser um sein Leben bettelt und schließlich das Bewusstsein verliert. Ich bin wütend, denn dies war nicht das erste Mal und es wird wohl nicht das letzte Mal sein, dass Weiße (Polizisten) ihre Macht missbrauchen und dadurch einen Unschuldigen zum Tode verurteilen.

Ich bin so unglaublich wütend. Meine Wut führt dazu, dass ich das dringende Bedürfnis verspüre,etwas zu tun. Mit meiner Therapeutin habe ich heute über die erschütternde Wirklichkeit gesprochen, dass ich nicht die Welt retten kann. Aber ich kann mich selbst verändern, und ich kann die Konversation mit meinem Umfeld suchen.

Was kann ich also tun? Was nun?

  • Ich kann und muss mich weiterbilden. Ich muss lernen, rassistische Strukturen in mir selbst und meinem Umfeld zu erkennen und aufzuzeigen. Ich muss lernen, mein Verhalhen zu reflektieren! Wo bin ich privilegiert? Wo verhalte ich mich, wenn auch unbewusst, rassistisch?
  • Ich kann Geld spenden oder zumindest Aufmerksamkeit lenken auf Projekte, die es sich zu unterstützen lohnt.
  • Ich würde gerne zu Deminstrationen gehen, auch in meiner Stadt findet morgen eine Demo statt. Aber aufgrund meines gesundheitlichen Zustands ist das etwas, was ich nicht tun werde. Ich kann einfach nicht gut lange stehen, deshalb fällt das für mich leider aus.
  • Ich kann People of Colour unterstützen und ihre Stimmen verstärken. Ich werde nie verstehen, was es heißt, aufgrund meiner Hautfarbe systematisch unterdrückt zu werden. Aber immerhin das verstehe ich, und deshalb muss ich selbst mehr PoC Gehör schenken und mich mehr mit Medien (Bücher, Filme, Musik, Podcasts…) von und mit PoC beschäftigen
  • Ich kann die Konversation mit meinem Umfeld suchen, mich über meine „Reise“ austauschen, offen sein für Kritik und selbst den Mut aufbringen, die Personen in meinem Umfeld auf mögliche eigene rassistische Strukturen hinzuweisen.

Ich bin froh, dass ich wütend bin und nicht gelähmt vor Trauer und Unverständnis. Wut verleiht einem so viel Kraft. Und ich verspreche, dass ich diese Kraft benutzen werde, um zumindest mich selbst zu verändern.

Ich hoffe, dieser Beitrag war nicht zu drunter und drüber. Ich habe wie immer einfach drauflos geschrieben und bin hier angekommen. Vielleicht konntet ihr ja etwas daraus mitnehmen, vielleicht geht es euch ähnlich, oder gerade nicht. Ich bin wie immer offen und freue mich über Rückmeldung.

Macht es gut,

Eure Ella

3 Kommentare zu „Tag 122 – Was nun?

  1. Was für ein Eintrag, liebe Ella! Ganz ehrlich und aufrichtig: Meinen allergrößten Respekt dafür!

    Es gibt nur sehr wenige Menschen , weiße Menschen,die eine so eindeutige, klare Position beziehen, die so deutlich und, wie ich finde, vollkommen zutreffend eingestehen und feststellen, was Fakt ist: Wir sind privilegiert, wir waren privilegiert, immer schon!

    Alle Herumrelativierei an diesem Fakt, ist unehrlich, ist falsch uind bietet Diskriminierung und Rassismus ein Einfallstor.

    Nur sehr wenige weiße Menschen bekennen sich so klar wie Du und räumen ein, dass sie das, was Menschen mit farbiger Hautfarbe mit Blick auf ihrer jahrhundertelange Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalterfahrung usw. empfinden, nicht wirklich „nachempfinden “ können.

    Dein eigener Weg ist großartig: Dich informieren, Unterstützung im Rahmen Deiner Möglichkeiten leisten, Dich selbst immer wieder hinterfragen und vor allem klar Position beziehen.

    Es berührt mich sehr, wie Du denkst und handelst mit Blick auf den so allgegenwärtigen, oft „versteckten“ Rassismus!

    Ich habe eine sehr liebe und sehr enge Freundin, die keine weiße Hautfarbe hat – Dein Eintrag, Deine Art Dir Verstehen anzueignen, sind so geschrieben, dass mir nie mehr Angst oder Sorge wäre, wenn ich an sie denke und daran, wie ihre Gegenwart heute immer noch ausschaut und zugleich wüsste, dass nur Menchen um sie sind, die so denken und handeln wie Du.

    Hab‘ Dank für diesen Eintrag und bleib‘ wie Du bist!

    Grüße von Herzen an Dich und, aufrichtig eine 🌹 für Deine Haltung, für Deine Zeilen!

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    1. bossasswitch 4. Juni 2020 — 15:32

      Vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Ich bin froh, dass meine Worte anscheinend so rübergekommen sind, wie ich es wollte. Ich weiß allerdings nicht, ob ich Lob verdient habe, ich finde, es sollte normal sein. Dass das leider nicht der Fall ist, ist mir allerdings bewusst…
      Trotzdem habe ich mich sehr über deine aufbauenden Worte gefreut!

      Gefällt 1 Person

      1. Ich habe mir erlaubt, Deine Zeilen hier in meinem heutigen Blogeintrag zu verlinken. Sie sind es wirklich wert, von vielen Menschen gelesen zu werden.

        Liebe Grüße noch einmal an Dich, liebe Ella!

        Gefällt 1 Person

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