Tag 124 – Skateboarden

Lieber Leser,

Bevor ich mit dem eigentlichen Beitrag beginne: ich stehe vor einem Problem, schon seit mehreren Wochen. Dieses Problem besteht in der Anrede, die ich gerade verwendet habe.

Persönlich habe ich, was das Thema angeht, eine Entwicklung durchgemacht, und bin jetzt zumindest so weit, dass ich im geschriebenen Format versuche, zu gendern. Im Gesprochenen fällt es mir noch schwerer, weil ich es nicht gewohnt bin und dafür gefühlt „zu schnell denke“. Aber auch daran möchte ich arbeiten.

Auch im Geschriebenen bin ich bei weitem nicht perfekt, aber ich versuche verstärkt, darauf zu achten. Aber was mache ich dann mit meiner Begrüßung hier? Klar, ich könnte schreiben „Liebe Leser*innen“, „Liebe LeserInnen“ oder „Liebe Leser und Leserinnen“. Aber eigentlich möchte ich keinen Plural verwenden, denn ich möchte, dass du als… lesende Person (?) das Gefühl hast, dass ich mich mit dir alleine unterhalte. Und „Liebe lesende Person“ klingt doch blöd. Fällt euch ein besserer Begriff ein? Ich könnte es natürlich auch ganz streichen und einen anderen Einstieg wählen, in dem sich das Problem nicht stellt. Ich bin dankbar über jede Anregung!


Kommen wir zum eigentlichen Thema. Ich habe heute ein Skateboard erworben.

Inspiriert wurde ich durch meine Freundin, die vor Kurzem das Skateboard ihres Bruders für sich entdeckt hat. Skaten fand ich schon immer cool, ich hatte in der siebten Klasse auch mal ein Pennyboard, was ich ein wenig benutzt habe. Aber ehrlich gesagt sind Pennyboards nicht so super cool.

Ich wollte also auch gerne ein Skateboard haben. Auf Anregung meiner Freundin hin habe ich also auf Instagram gefragt, ob zufällig jemand eines loswerden möchte. Gestern hat mir dann ein Mädchen aus meiner Schule geschrieben, dass sie sich tatsächlich erst vor kurzem eines gekauft hat und dann aber festgestellt hat, dass es sie eigentlich doch nicht interessiert. Und das habe ich ihr heute abgekauft.

Nun muss man sagen, dass meine Gegend nicht so super praktisch ist zum skaten. Die Gehwege wechseln ständig zwischen größeren Platten und kleinen Steinen, auf denen man eigentlich überhaupt nicht fahren kann. Aber es gibt ein paar Plätze mit größeren Asphaltflächen, die ich also künftig häufiger aufsuchen werde.

Heute bin ich direkt eine kurze Strecke zum Briefkasten gefahren. Auf dem Rückweg kam mir eine Mutter mit kleinem Kind entgegen, und weil ich noch relativ unsicher bin, wollte ich lieber die Straßenseite wechseln. Da stehe ich also an der Straße mit meinem Skateboard, und mir kommt ein Auto mit zwei jungen Männern, Anfang zwanzig schätze ich, entgegen. Und als sie mich sehen, machen beide folgendes Gesicht:

Der Gesichstausdruck, den ich nur als eine Mischung aus Anerkennung, Überraschung und beeindruckt sein interpretieren kann, konnte sich nicht auf meine nicht vorhandenen Skateboard-Fähigkeiten bezogen haben, schließlich stand ich da nur rum. Es muss also schlichtweg um die Tatsache gegangen sein, dass ich als Mädchen ein Skateboard habe. Und das nervt mich. Es hat mich auch in dem Moment so genervt, dass ich mit meinem schönsten Todesblick geantwortet habe. Vielleicht war das übertrieben. Aber ich mag es zum einen sowieso nicht, von fremden Menschen irgendwie abgesprochen zu werden, und andererseits hat mir diese Situationskonstellation mir mehrere Dinge vermittelt. Erstens, ich werde beobachtet. Zweitens, ich werde weil ich ein Mädchen bin falsch eingeschätzt, bzw. weil ich ein Mädchen bin, bestehen bestimmte Erwartungen an das, was ich tue und was ich kann. Drittens, in ihren Augen war ich „nicht wie andere Mädchen“, in ihren Augen eine Tatsache, mit der ich mir anscheinend Anerkennung verdient habe. Und das finde ich ganz schrecklich.

Ich weiß nicht, vielleicht steigere ich mich da auch in etwas rein. Aber ich habe keine Lust darauf, wegen meines Geschlechts über- oder unterschätzt zu werden, und ich habe keine Lust darauf, dass fremde Menschen sich nicht nur eine Meinung über mich bilden, sondern auch noch das Gefühl haben, dass sie mir diese mitteilen müssen.

Trotz dessen oder gerade deswegen werde ich morgen, wenn ich die Zeit finde, üben gehen. Anerkennung habe ich erst dann verdient, wenn ich auch wirklich skateboarden kann.

Macht es gut,

Eure Ella

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