Tag 125 – Demonstration

Lieber Leser,

Heute habe ich nicht viel Kraft zum schreiben, denn obwohl ich mich ursprünglich dagegen entschieden hatte, war ich doch bei einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeibrutalität.

Nach kurzer Zeit habe ich auch gemerkt, warum ich erst nicht gehen wollte. Mein Körper ist einfach nicht zum stehen gemacht. Nach etwa einer halben Stunde wurden die Bauch- und Rückenschmerzen sehr unangenehm. Aber ich bin geblieben, und ich bin froh, dass ich es getan habe.

Warum ich meine Meinung geändert habe? Mir war klar, dass ich es im Nachhinein bereut hätte, wenn ich nicht gegangen wäre. Und weil ich immernoch den Drang verspüre etwas zu tun. Natürlich ist mir klar, dass man kein guter Anti-Rassist ist nur weil man auf eine Demo geht. Aber zusammen mit 15.000 anderen Menschen auf einem Platz zu stehen, sein Schild hochzuhalten und nach Gerechtigkeit zu schreien gibt einem doch mehr das Gefühl, aktiv etwas zu tun, als zu Hause zu bleiben und ein Buch zu lesen. Letzteres tue ich allerdings auch.

Es war ein schöner Protest. Auch, wenn ich Schmerzen hatte. Auch, wenn ich doch die ganze Zeit „alleine“ da war, weil ich das Mädchen, mit dem ich verabredet war, in der Menschenmenge einfach nicht gefunden habe. Auch, wenn ich mir Sonnenbrand geholt habe. Aber es war so viel Energie zu spüren, so viel Willensstärke. Das war ermutigend.

Wir haben eine verlängerte Schweigeminute abgehalten, 8 Minuten und 46 Sekunden lang – so lange, wie George Floyd von dem weißen Polizisten gewürgt wurde. Und ich sage euch, es ist ein extrem unheimliches Gefühl, gemeinsam mit 15.000 anderen Menschen auf einem Platz zu knien, in völliger Stille, und das fast neun Minuten lang. Ist euch bewusst, wie lang acht Minuten und 46 Sekunden sind? Zu lang.

Ich bin froh, dass ich mich entschlossen habe, heute hinzugehen. Es hat mich viel Kraft gekostet, aber es hat mir auch viel gegeben.

Macht es gut,

Eure Ella

1 Kommentar zu „Tag 125 – Demonstration

  1. So toll, dass Du trotz Deines Handicaps zu der Demonstration gegangen bist! Hier in meinem Kaff tut sich, wie meist, gar nichts. Dabei sind die Menschen, ihre Einstellungen, Vorurteile und Stereotypen mit Blick auf „anders seiende“ Menschen im Allgemeinen und farbige Menschen im Speziellen nicht etwa besser als anderswo.

    Viele liebe Grüße an Dich! 🙂

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