Tag 144 – Befreiung

Lieber Leser,

Ich habe mir heute meine Haare abrasiert. Ich habe ein großes Bedürfnis danach verspürt, das mal auszuprobieren, das natürlich nur gewachsen ist, als meine Freundin sich vor ein paar Tagen ihre abrasiert hat.

Es ist ein ganz lustiges Gefühl. Wenn ich meinen Kopf bewege, erwarte ich, dass meine Haare nachschwingen – aber nichts passiert. Ich fahre mir die ganze Zeit über den Kopf, die Stoppeln fühlen sich so lustig an.

Meine Mutter war nicht begeistert. Sie mochte meine langen Haare gerne, und auch die „lange“ Kurzhaarfrisur. Auch, dass ich sie rotgefärbt habe, hat sie verkraftet und war sogar positiv überrascht. Aber das hier… Schwierig. Sie sagt: Sie selber wollte immer lange Haare haben, aber es sah nie gut aus. Deshalb denke ich, sie projiziert das ein bisschen auf mich. Das hat mich im vorhinein ein bisschen unglücklich gemacht, weil ich es unfair finde und fand, dass sie sich so benimmt als ob ich das tue, um sie persönlich zu ärgern. Dabei sind es dich nur Haare. Ich möchte Dinge ausprobieren, feststellen was ich mag. Es wächst doch eh alles nach. Und ich bin nicht auf dieser Welt, um hübsch zu sein (mal davon abgesehen, dass kurze Haare nicht bedeuten, dass ich nicht hübsch sein kann).

Mir war klar, dass ich es trotzdem tun würde. Und obwohl es noch sehr ungewohnt ist, mag ich es! Es hat etwas sehr neutrales, und legt einen starken Fokus auf meine Augen. Wenn ich möchte, habe ich einen ganz schönen Todesblick drauf, das unterstützt die Wirkung bestimmt noch mehr. Ich glaube, so fühle ich mich stärker als mit langen Haaren. Das ist ein schönes Gefühl.

Und meine Mutter? Naja. Sie hat gesagt: immerhin ist es schön, dass du jetzt wieder blond bist. Da hat sie recht, das ist ein positiver Nebeneffekt: mein Ansatz war schon groß genug, dass jetzt alle roten Haare abgeschnitten sind. Klar, ich könnte nachfärben – aber ich möchte momentan eigentlich nicht. Ich mag auch meine blonden Haare. Und so muss ich kein ewig langes, ekliges Rauswachsenlassen ertragen.

Ich denke, insgesamt werde ich die Haare von jetzt an wieder auf lang rauswachsen lassen. Klar, das dauert lange, und wahrscheinlich werde ich meine Meinzng darüber unterwegs noch zehn Mal ändern. Aber das ist okay.

Meine Schwester hat darüber gesagt, dass es besser ist, als sie erwartet hat. Und ich hätte eine schöne Kopfform 😀

Mein Großvater sagt, er möchte sich, was die Meinungsäußerung angeht, lieber enthalten. Das finde ich auch okay. Ich verlange von niemandem, es zu mögen, und ebenso wenig so zu tun, als ob.

Ein bisschen traurig bin ich aber doch, dass es wegen der Ferien vorerst relativ wenig Menschen zu sehen bekommen. Ja, ich gebe es zu – in manchen Hinsichten finde ich es schön, viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Neue Haarschnitte und Geburtstage zählen zum Beispiel dazu. Ich finde es einfach spannend, die Reaktionen von Menschen zu sehen, und klar – wer freut sich nicht über Komplimente oder Glückwünsche?

Macht es gut,

Eure Ella

6 Kommentare zu „Tag 144 – Befreiung

  1. Na ja, sehen kann ich Dich nun leider auch nicht. – Ich gestehe, dass mich „abrasierte Köpfe“ zunächst IMMER etwas irritieren. – Da ich Dich nun aber inzwischen ein bisschen kennenlernen durfte, bin ich hauptsächlich beeindruckt von Deinem Mut, Deiner Entschlossenheit, diese Veränderung gewagt zu haben. Und ich kann Deine Argumente ganz gut nachvollziehen.

    Viele liebe Grüße! (Ich habe nun auch Ferien!) 🙂🌞

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    1. Ich danke dir für deine Ehrlichkeit, und persönliche geht es mir da nicht groß anders. Bis zu diesem Jahr wäre ich nicht mal selbst darauf gekommen, mir die Haare kürzer als kinnlang zu schneiden… und klar, es hat doch etwas sehr, sehr ungewohntes in unserer Gesellschaft. Aber ich mag es, und sehe darin wirklich eine Art der Schönheit, nur eben anders als noch mit langen Haaren.

      Ich wünsche dir erholsame Ferien!
      Liebe Grüße von mir!🌿

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  2. “ … und sehe darin wirklich eine Art der Schönheit, nur eben anders als noch mit langen Haaren.“

    Das hast Du sehr schön geschrieben. Es künftig aus diesem Blickwinkel zu betrachten, nehme ich mir mal zu Herzen. Danke! Schlaf schön, liebe Ella! 😴🌛

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    1. Wie schön, dass du das daraus mitnehmen konntest! Das freut mich wirklich.

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      1. Das Bild, was Du jetzt oben reingestellt hast, spricht sehr dafür, es mit Deiner Blickrichtung zu sehen. Ich habe mich dabei ertappt, viel mehr auf den Ausdruck des Gesichts des Mädchens da oben zu achten. Da ist einfach nichts , was „ablenkt“ …

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  3. Ja, genau das meinte ich auch in meinem Beitrag! Man kann sich definitiv hinter seinen Haaren verstecken oder sie nutzen, um das „Gesamtkunstwerk“ abzurunden, und das sind beides legitime Dinge. Aber dieser Haarschnitt bringt eine gewisse Ehrlichkeit oder Offenheit mit sich. Man muss eben mehr auf das Gesicht oder den Gesichtsausdruck achten, weil man auf nichts anderes achten kann.

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