Tag 153 – Ängste

Lieber Leser,

Auf meiner Reise zu einer besseren mentalen Gesundheit und zu einer positiveren Einstellung zu mir selbst und dem Leben der generell bin ich schon wirklich weit gekommen. Ich bin weitgehend zufrieden mit mir selbst, ich kann stolz auf mich sein, an den meisten Tagen würde ich sagen, dass ich mich selbst und die Welt liebe.

Ein sehr großer Bereich dessen sind die Erwartungen, die ich an meine eigenen Leistungen habe. Ich war schon immer (sehr) gut in der Schule. In der Grundschule ist mir nie etwas schwergefllen, und auch in der Oberschule hatte ich in den meisten Fächern keine größeren Schwierigkeiten. Dennoch oder gerade deswegen habe ich extrem hohe Ansprüche an meine schulischen Leistungen. Bei allen Noten, die schlechter als 1- sind, bin ich zutiefst unzufrieden und unglücklich mit mir selbst. Das ist ungesund. Denn ich bin zwar immer noch gut in der Schule, aber ich bekomme schon noch häufig genug Zweien als das ich oft unzufrieden bin.

Es macht mich traurig wenn ich daran denke, dass mein Abiturschnitt schlechter wird als er hätte sein können, weil ich einen falschen LK gewählt habe. Es macht mich traurig wenn ich daran denke, dass ich nicht das beste Abitur der Schule machen werde (wie unglaublich unnötig das klingt, während ich das so objektiv betrachte. Aber es geht mir so, und ich möchte mich nicht auch noch dafür schämen). Es macht mich traurig wenn ich daran denke, dass mein Abiturschnitt schlechter wird als der meiner Schwester.

Ich weiß, dass Schulnoten nicht wirklich etwas über meine tatsächlichen Intelligenz aussagen, und auch nichts darüber ob ich ansonsten ein freundlicher, warmherziger, großzügiger Mensch bin – alles Eigenschaften, die mir eigentlich wichtiger sind als meine Intelligenz. Aber so geht es mir. Und ich arbeite daran, dass es besser wird. Und das wird es auch werden.

Als ich mich darüber mal mit meiner Therapeutin unterhalten habe, hat sie gesagt: „Kannst du dir vorstellen, dass du am Ende [also nach dem das Abitur gelaufen ist] das Gefühl hast, das der Preis zu hoch war?“ Und ich konnte nur weinen, weil ich genau wusste, dass genau das passieren wird. Ich mache mir jetzt so viel Stress, und egal wie viel Stress und Arbeit ich mir mache, ich werde schlicht und einfach nicht mit meinem Abiturschnitt zufrieden sein – und gleichermaßen wird der Abiturschnitt so bald schon keine signifikante Rolle mehr in meinem Leben spielen, dass ich ganz genau wissen werde, dass ich mir meine Schuljahre dadurch versaut habe, dass ich mir unglaublich unnötigen Stress gemacht habe. Es ist wirklich zu heulen.

Eine Geschichte, die das Ganze gut beschreibt ist vor ein paar Tagen passiert:

Ich habe geträumt, dass ich nach dem Abitur noch unsicher bin, was genau ich anfangen möchte, und dass ich deshalb mit einer Freundin zusammen erstmal eine Ausbildung zur Schneiderin angefangen habe. Mir war die ganze Zeit klar, dass das nicht das Wahre für mich ist, sondern dass ich das erstmal nur mache, um überhaupt irgend etwas zu tun. Schon war also das erste Lehrjahr vorbei und wir haben Zeugnisse bekommen. Meine Freundin hatte überall gute Noten. Ich hatte in einem Fach eine schlechte Note und bin deshalb durchs erste Lehrjahr gefallen.

Ich bin weinend aufgewacht.

Ich denke, ihr versteht was ich meine.

Ich möchte so nicht sein. Ich möchte mich zufrieden geben können und stolz sein können auf das, was ich leisten kann, ohne dass meine psychische Gesundheit darunter leidet. Ich möchte freundlich und rücksichtsvoll und liebevoll mit mir umgehen. Ich weiß, dass ich das verdient habe. Ich denke, das ist immerhin schon etwas. Aber es ist si unglaublich schwer, sich von solchen Dingen loszumachen, auch wenn mir absolut bewusst ist, wie absurd zum inen und schädlich zum anderen diese hohen Ansprüche an mich selbst sind.

Das ist mal wieder ein längerer, persönlicher Beitrag geworden. Es tut gut, so etwas aufzuschreiben. Es würde mir so viel schwerer fallen, all das auszusprechen.

Macht es gut,

Eure Ella

2 Kommentare zu „Tag 153 – Ängste

  1. Ich gebe zu, dass mir ein Kommentar auf diesen Eintrag sehr schwer fällt. denn Du hast damit einen sehr wunden Punkt angesprochen, der meine Persönlichkeit betrifft und, ja, ich muss es so sagen, ohne dramatisierend sein zu wollen, mein Leben geprägt hat und ich (unter anderem dafür) einen hohen Preis gezahlt habe und weiter zahle.

    Und ich wünsche Dir von Herzen, dass das bei Dir nicht so werden soll.

    Achte auf Dich, liebe Ella, setze Dich nicht zu sehr unter Druck, wenn Du es irgend vermagst. Du bist von Deinem Wesen her, ein sehr ehrgeiziger, sich einsetzen wollender, altrusitischer Mensch. Du KANNST vom Wesen her gar nicht anders. Deshalb ist zusätzlicher Druck wirklich nicht nötig.

    Ich weiß, dass Du weißt, wann Du Dich eigentlich zu sehr forderst, und dass das meist im Nachhinein erst bewusst wird. Und ich weiß auch, wie schwer es für einen Menschen wie Dich ist, das „richtige“ Maß zu finden für ein richtig gutes Ergebnis ohne sich letztlich doch wieder zu überfordern

    Ich habe das NIE wirklich hinbekommen, deshalb kann ich Dir auch keinen RAT geben, sonder nur meine Hoffnungen, Wünsche, für Dich äußern.

    Behalte dieses Problem, wenn es irgend geht, bei und mit Deiner Therapeutin sehr im Fokus.

    Besonders liebe Grüße! 🙂🌼

    Gefällt 1 Person

    1. bossasswitch 7. Juli 2020 — 08:53

      Danke! Es ist im letzten Jahr auf jeden Fall schon besser geworden, und ich denke auch, dass es mich im Laufe der Zeit noch weniger belasten wird. Aber es ist so schwierig fest daran zu glauben, weil es einfach ein langwieriger Prozess ist. Manchmal hilft es mir, die Situation von außen zu betrachten: denn objektiv weiß ich eigentlich immer, dass es nicht nötig oder sogar hinderlich ist, wenn ich mir so viel Druck mache. Manchmal klappt es, wenn ich dann „beschließe“, dass es mir jetzt einfach nichts ausmacht. Leider aber auch nicht immer…
      Ich danke dir für dein Verständnis und wünsche dir alles alles Gute!🌿

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close