Tag 212 – Dankbarkeit

Lieber Leser,

So richtig viel Spannendes ist heute nicht passiert.

In der Schule hatte ich total Bauchschmerzen, weshalb es mir echt schwergefallen ist, mich gut zu beteiligen. Das war die letzten Wochen leider auch schon so. Deshalb habe ich heute ein Gespräch mit meinem Tutor geführt, in dem ich ihm meine aktuelle Situation und meine Schwierigkeiten geschildert habe. Er war sehr verständnisvoll, aber so wie ich auch etwas ratlos hinsichtlich der Frage, was wir tun können, damit die Situation für mich irgendwie schaffbarer wird. Wir haben uns jetzt erstmal darauf verständigt, dass er all meinen Lehrern schreibt um sie darauf aufmerksam zu machen, dass ich momentan wegen meiner Krankheit Schwierigkeiten habe. Mir ist klar, dass sie so etwas in der Benotung natürlich schlecht berücksichtigen können, mir geht es dabei aber viel mehr darum, dass ihnen bewusst ist, dass meine mangelnde Beteiligung nicht an Desintetesse oder ähnlichem liegt, und ich denke auch, es hilft einfach im gegenseitigen Verständnis wenn ihnen bewusst ist, dass ich es (momentan) nicht leicht habe.

Ich habe von dem Gespräch auch keine Lösungsvorschläge erwartet, sondern es ging mir mehr darum dass es mir hilft, wenn meinem Umfeld bewusst ist, dass und warum es mir nicht gut geht. Und dafür ist ein Tutor doch da, und es hat mir geholfen.

Trotzdem gehen mir Gespräche, in denen ich meine psychischen oder physischen Probleme thematisiere immer sehr nah. Warum? Ich glaube ehrlich gesagt, weil ich mir selbst leidtue. Es macht mich traurig, wenn ich an das Mädchen denke, dass ich vor fünf Jahren war, dass es so unglaublich schwer hatte, weil sie das Gefühl hatte, dass niemand sie mochte oder je mögen könnte, dass sie für alle eine Belastung war, und dann auch noch mit einem Körper geschlagen war, der sie ständig verraten hat. Heute geht es mir zwar sowohl physisch als auch psychisch grundsätzlich besser, obwohl ich mit beidem noch zu kämpfen habe, aber ich weiß, dass ich wegen meinen Krankheiten ein anderer Mensch geworden bin, als ich es ohne geworden wäre. Früher war ich sorglos und unbeschwert, frech und lustig. Heute ist der Grundtenor meines Lebens Ernsthaftigkeit und Sorge und ein immer noch kaputtes Selbstwertgefühl. Und deshalb tue ich mir selbst leid, weil ich es so schwer hatte und auch immernoch habe. Und ich denke, häufig wird Selbstmitleid als etwas schlechtes dargestellt. Ich stimme zu, es ist nichts gutes, wenn man „in Selbstmitleid versinkt“ und sich deshalb möglicherweise in eine Sie hereinsteigert oder hängen bleibt und nicht daran arbeitet, da heraus zu kommen. Aber es ist doch für mich und meinen Heilungsprozess oder mein Finden zu mir sonst so wichtig, dass ich mich wie einen Freund betrachte, und mit jedem meiner Freunde würde ich auch mitleiden.

Jedenfalls nehmen mich diese Gespräche immer sehr mit, und ich musste auch weinen. Nach dem Gespräch musste ich direkt in den nächsten Untericht, wo einige meiner Mitschüler gemerkt haben, dass ich geweint hatte. Besonders dankbar bin ich einer meiner – Freundinnen? Ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist – wir haben mehrere Fächer zusammen und verstehen uns total gut, aber außerhalb der Schule haben wir eigentlich nichts miteinander zutun. Sie hat sich jedenfalls neben mich gesetzt und mit einer solchen Leichtigkeit nachgefragt ob alles in Ordnung ist und mich in ein Gespräch verwickelt, dass ich unglaublich beeindruckt war. Es hat mir in der Situation auch geholfen, ich habe ihr erzählt was passiert war und sie war total lieb und verständnisvoll, aber vor allem war ich einfach beeindruckt, wir sie mit der Situation umgegangen ist, denn ich denke, wir kennen es doch alle: man merkt, dass es einem Mitmenschen ganz offensichtlich nicht gut geht, und man verspürt vielleicht das Bedürfnis nachzufragen ob alles okay ist oder ob man etwas tun kann, aber man befürchtet, sich der Person aufzudrängen oder es nur schlimmer zu machen oder nicht die richtigen Worte zu finden. Deshalb bin ich immer zögerlich, weil ich es natürlich gerade nicht schlimmer machen möchte. Und was der „leidenden“ Person hilft ist sicher von Situation zu Situation und von Person zu Person unterschiedlich, mir hat es heute aber sehr geholfen.

Jetzt gehe ich schlafen. Es war ein langer Tag.

Macht es gut,

Eure Ella

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