Tag 232 – Sauer

Lieber Leser,

Heute habe ich einiges gefühlt. Viele sehr unterschiedliche Emotionen, bei denen so mancher sich wohl wundern würde, wie man all das in nur zehn Stunden spüren kann. Aber eine Sache zog sich konsequent durch den ganzen Tag: Ich bin sauer.

Ich bin sauer auf meinen Körper. Ich versuche ja, geduldig mit mir zu sein und Rücksicht zu nehmen. Aber heute bin ich sauer, weil mein Körper oder besser gesagt, meine Krankheit mich schon wieder davon abhält, Dinge so zu tun, wie ich es mir vornehme und wie ich es eigentlich gerne möchte. Ich bin sauer, weil ich die Klausur heute nicht schreiben konnte – zum einen, weil es mir am Wochenende so schlecht ging, dass ich maximal 45 Minuten gelernt habe, und andererseits, weil es mir heute so schlecht ging, dass ich früher nach Hause gehen musste. Ich bin sauer, weil ich die Klausur jetzt noch nicht hinter mir habe und immer noch dafür lernen muss, und weil ich nicht weiß, ob es mir am Donnerstag (wo ich hoffentlich nachschreibe) nicht genau so geht.

Ich bin sauer, weil schon wieder eine Behandlungsmethode, die mir eine Weile lang ziemlich gut geholfen hat, langsam ihre Wirkung verliert. Weil ich jetzt wieder auf die Suche gehen muss – neue Ärzte, Therapeuten aufsuchen, für die ich momentan eigentlich keine Zeit habe, neue Medikamente und Therapien ausprobieren, die in vielen Fällen nicht mal von der Krankenkasse bezahlt werden und somit eigentlich zu teuer sind. Und ich frage mich, wofür das ganze? Damit ich nach langem Suchen endlich wieder etwas finde, was hilft – für ein, zwei Jahre? Und am Ende steht vielleicht wieder eine OP? Ich bin sauer, weil die Ungewissheit wieder los geht. Angst vor Unverständnis der Ärzte und Therapeuten. Angst, Zeit damit zu verlieren, neue Medikamente und Therapien auszuprobieren, die dann doch nicht helfen. Amgst davor, wie ich das alles mit der Schule unter einen Hut bekommen soll, ohne durchzudrehen. Ich bin kurz vorm durchdrehen. Und ich weiß, am Ende des Tages bleibt mir keine Wahl. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Ich muss neue Dinge ausprobieren, und das werde ich auch tun. Ich bin ja auch nicht alleine, meine Familie unterstützt und begleitet mich sehr. Aber ich darf das auch alles trotzdem Scheiße finden.

Ich bin sauer, weil ich es nicht schaffe, mir selbst nicht auch noch schulischen Druck zu machen. Sauer, weil ich es momentan schaffe, dass mir Schule ziemlich egal ist – aber nur so lange, bis es um Noten geht. Sauer, weil ich entschieden habe, nicht für den Sporttheorietest morgen zu lernen (wann auch?) und ich dennoch weiß, dass ich mich so fertig machen werde, wenn ich dann eine schlechte Note schreibe. Ich bin sauer, weil ich die Zeit in der es mir gut geht am Handy verschwende und nicht für Lernen verwende, und weil ich sowieso immer viel zu spät anfange. Ich bin sauer, weil ich anfangr, mich selbst wieder nicht mehr zu mögen. Ich bin sauer, weil alle immer sagen „aber in einem Dreivierteljahr ist Schule auch schon vorbei!“, weil es ein Versuch ist, mir Hoffnung zu machen – aber alles, was bei mir ankommt, ist „wie soll ich dieses Dreivierteljahr überleben?“ Ich bin sauer wegen all der Zeit, die ich damit zubringe, sauer auf mich selbst zu sein.

Ich bin sauer auf Jungen, die im „normalen“ Zustand total nett und freundlich sind, und dann wenn sie betrunken sind und gerade kein Mädchen zuhört, sexistische Witze erzählen. Ich bin sauer für ihre Freundinnen, denen sie diese Seite selbstverständlich nicht zeigen und die sie vermeintlich mit Respekt behandeln, um dann unglaublich verachtende Meinungen über sie und ihresgleichen zu halten. Ich bin sauer auf die Jungen, die auch betrunken noch nett sind und aufgrund ihres Geschlechts solche Witze mitanhören dürfen, obwohl sie selbst merken, dass das nicht in Ordnung ist – aber nichts dazu sagen. Ich bin sauer auf alle, die jetzt denken „aber das sind doch nur Witze“, „darf man keinen Humor mehr haben?“ oder es auf den Alkoholisationsgrad schieben – denn es ist mehr als das. Es ist die tägliche Realität von Mädchen und Frauen. Es ist die Realität jeder Schülerin, wenn der Lehrer sagt „jetzt bräuchte ich mal drei starke Jungs zum tragen“. Es ist meine Realität, wenn mir beim Fahrradfahren jemand hinterher ruft. Es ist die Realität einer Freundin, wenn sie beim Joggen von einer Gruppe Männer verfolgt und angefasst wird. Es ist kein harmloser Witz, es ist unsensibel, menschenverachtend und vor allem führt es zu so viel mehr. Ich bin sauer, dass Jungen sich immer noch vor Tampons ekeln und meinen, eine Frauenquote wäre Diskriminierung gegen Männer. Ich bin sauer – auf mich selbst. Weil ich viel zu selten den Mut habe, selber meine Meinung zu sagen und sie darauf hinzuweisen, dass sie sexistische Mistkerle sind, die, wenn auch unbewusst und ungewollt, gefährlichen Ideen und potentiellen Gewalttaten den Weg ebnen.

Ich bin so sauer. Ich bin nicht oft sauer. Aber ich finde, ich habe heute und auch an jedem anderen Tag alles Recht der Welt dazu.

Macht es gut,

Eure Ella

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