Tag 269 – Samhain

Lieber Leser,

Heute ist es endlich soweit. Das ganze Jahr über warte ich auf diesen Tag – den 31. Oktober. Für die meisten wahrscheinlich als Halloween oder Reformationstag verbucht. Mit mehr oder weniger beidem habe ich mich heute auseinandergesetzt.

Den Vormittag über habe ich in der Kirche verbracht. Zum Reformationstag haben wir eine Stationsarbeit mit den umliegenden Gemeinden organisiert (selbstverständlich Corona-konform), und ich habe zusammen mit unserer Jugendmitarbeiterin eine Gruppe angeleitet. Das hat wirklich Spaß gemacht. Darum soll es heute aber weniger gehen.

Für mich ist dieser Tag nicht wirklich Halloween, sondern Samhain (ausgesprochen Sow-in oder Sau-in), obwohl es einige… Parallelen gibt. Oder sagen wir so, Halloween ist stark inspiriert von dem keltischen Neujahrsfest Samhain. Das irische Wort bedeutet so viel wie Sommerende, und das beschreibt auch ziemlich gut, worum es geht. Dieses Fest kann bis aufs 3. Jahrtausenden vor Christus zurückverfolgt werden und ist heute eines der am häufigsten gefeierten Feste in neuheidnischen/paganistischen Kreisen.

Es ist das dritte und letzte Erntefest im Jahreskreis und symbolisiert den Beginn des dunklen Halbjahres. Nach keltischem Glauben war an diesem Tag der Schleier zwischen den Welten (zwischen der der Lebenden und Toten) besonders dünn, weshalb es verstorbenen Seelen und anderen Wesen (Geistern, Dämonen…) möglich ist, in unsere Welt überzutreten. Dieser Umstand begründet auch schon die mit dem Tag verbundenen Brauchtümer und Rituale. Grundsätzlich geht es um die Verstorbenen – weniger die Trauer um sie als ihre Ehrung. So ist es zum Beispiel üblich, die Gräber verstorbener Angehöriger zu besuchen, oder beim anlässlichen Festmahl einen zusätzlichen Platz zu decken, der unbesetzt bleibt.

Andererseits gilt es auch, sich vor möglicherweise feindlichen Entitäten zu schützen – ich erinnere daran, dass nach dem traditionellen Glauben auch böse Geister oder Dämonen in unsere Welt übertreten können. Daher kommen auch einige Bräuche, die man heute noch mit Halloween verbindet. So dient das Verkleiden zum Biespiel dafür, nicht erkannt zu werden und die traditionelle Kürbislampe mit gruseliger Fratze soll böse Geister abschrecken.

Wie wurde daraus also das heutige Halloween? Im Laufe der Zeit änderte der Name sich in All Hallow’s Eve – zu deutsch der Vorabend von Allerheiligen (01. November). Und von dort ist es nicht mehr so weit zu Halloween. Über irische Einwanderer gelangten die Brauchtümer und die Symbolik des Tages schließlich nach Nordamerika, und von dort aus im Zuge der Globalisierung in die restliche Welt.

Warum ist dieser Tag mir so wichtig? Um ehrlich zu sein kann ich es nicht genau beschreiben. Dass ich mich viel mit dem Neuheidentum beschäftige, habe ich an anderer Stelle bereits erwähnt. Ich weiß nicht, ob ich mich selbst schon als „praktizierend“ bezeichnen würde, für mein Gefühl fehlt mir dazu noch einiges Wissen und Routine. Aber ich setze mich viel damit auseinander und möchte mehr darüber lernen, weil alles, was ich bisher weiß, mir sehr gut gefällt. Auch die anderen Feste des keltischen Jahreskreises gefallen mir gut, aber dieser hat es mir besonders angetan. Vielleicht, weil ich den Herbst sowieso so gerne mag. Vielleicht, weil ich es wichtig finde, dass unser Fokus genau so auf dem Leben wie auf dem Tod liegt. Für mein Gefühl verdrängen viele Menschen heute den Tod (damit meine ich nicht nur den Tod als Ende des Lebens, sondern generell als Beendigung. Chancen, Lebensabschnitte, Beziehungen, Jahreszeiten, Gutes sowie Schlechtes) aus ihrem Leben, und ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ein Ende, welcher Art auch immer, ist häufig schmerzhaft und mit einer Umstellung verbunden, die sehr anstrengend sein kann. Aber jedes Ende birgt gleichzeitig die Chance für einen (Neu-)Anfang. Manche Dinge müssen zu Ende gehen. Eines meiner Lieblingszitate ist immer noch:

Auch das vergeht.

Dieser Satz, der König Salomo zugeschrieben wird, ruft mir in meinen schlechten Momenten in Erinnerung, dass auch bessere Zeiten kommen werden. In meinen guten Momenten erinnert er mich daran, dankbar zu sein für das, was ich habe.

Vielleicht kommt daher meine Faszination mit diesem Tag. Denn auch wenn ich (zumindest momentan) ebenso wenig an böse Geister glaube wie an einen christlichen Gott, so nutze auch ich diesen Tag gerne um an meine verstorbenen Großmütter zu denken. Ich habe auch Kürbisse geschnitzt, die momentan vor meiner Haustür brennen – auch, wenn sie vielleicht keine Geister vertreiben, so sehen sie wenigstens nett aus (und wer mich kennt, weiß, dass ich für Ästhetik lebe). Und man kann ja nie wissen – gegen ein wenig extra Schutz habe ich nichts einzuwenden.

Ich werde gleich noch eine Tarotlesung durchführen, insbesondere zu dem Thema, was ich loslassen (in diesem Sinne: sterben lassen) muss. Auch dieses Mittel sehe ich eher als Inspiration oder Anregung zur Auseinandersetzung mit meiner Lebenssituation als als eine „Lebensanleitung“.

Und eine Info noch am Rande: heute ist auch noch Vollmond. Die Hexe in mir kriegt sich gar nicht mehr ein vor Begeisterung. Das passt traditionell sehr gut: bevor sich der 31. Oktober als fester Tag für Samhain/Halloween eingebürgert hat, war es der Tag des elften Vollmonds im Jahr. Und der ist – heute. Es ist der zweite Vollmond im Oktober, ein sogenannter Blauer Mond. In den USA ist auch heute erst Zeitumstellung, weshalb der Tag dort auch noch eine Stunde länger ist.

So kommt einiges zusammen an einem theoretisch völlig normalen Tag in einem sehr außergewöhnlichen, chaotischen Jahr.

Ich hoffe, ihr konntet mit diesem Exkurs ein wenig etwas anfangen und eine neue Perspektive auf den Tag gewinnen.

Und so wünsche ich allen, die den Tag ebenfalls feiern, ein gesegnetes Fest.

An alle anderen: macht es gut,

Eure Ella

4 Kommentare zu „Tag 269 – Samhain

  1. Das hast Du sehr schön geschrieben, liebe Ella. Es war sehr informativ und lehrreich für mich, ich habe viel erfahren, was ich bislang nicht wusste. Und ich konnte lesen und kann nun verstehen, weshalb Du so mit dem Herzen an und in diesem Tag, diesem Fest lebst. Dem Ganzen liegt bei Dir ein sachlicher, ernsthafter Bezug zugrunde. – Mich haben Deine Zeilen, und das meine ich ganz und gar ehrlich, sehr berührt, Du hast mich berührt, und ich sehe und achte Dich nun aus noch einem ganz anderen Blickwinkel auf besondere Weise.

    Und hierüber musste ich so sehr schmunzeln:

    „Die Hexe in mir kriegt sich gar nicht mehr ein vor Begeisterung.“

    Das ist allerliebst, und ich sag’s einfach mal so, weil ich nichts treffenderes finde: richtig süß! – Ich hatte beim Lesen Dein Bild als ein fröhlich auf seinem Besenstiel dahin galoppierendes Hexlein im Kopf, und ich kriege es gar nicht mehr raus … 🙂

    Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag und lasse Dir viel ganz liebe Grüße hier! Und nochmals: Dankeschön für den schönen Text da oben! 💚🍁🌻

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    1. Es freut mich wirklich sehr, dass dir der Text gefallen hat und dass du etwas daraus mitnehmen konntest. Das war der Sinn der Sache 🙂 Ganz liebe Grüße an dich und einen guten Start in die Woche!🌿

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  2. Ich hoffe, Du hattest auch ein tolles Samhain (endlich noch jemand, der es richtig ausspricht- bei einem Voice- Chat neulich mit anderen deutschen Hexen haben die anderen Teilnehmer etwas länger gebraucht, mich zu verstehen 🙈)

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    1. Danke, das hatte ich! Ich hoffe, du auch 🙂 oh je, die Situation kenne ich auch…😅

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